Im
Moment, da ich diese Geschichte schreibe, sitze ich in meinem Keller an einem
aus einer Küchenarbeitsplatte und einigen Stahlfüßen zusammengezimmerten
Schreibtisch. Wenn ich etwas tiefer in die Vergangenheit eintauche, werde ich
vielleicht eine Platte von James Taylor auflegen oder mich ins Klassik-Webradio
einklinken, aber zur Zeit ist es still. Das einzige Geräusch ist das leise
<<woosch>> vorüberfahrender Autos, das
durch das Kellerfenster eindringt und das Rauschen des Lüfters an meinem
PC.
Neben mir steht ein kleiner Küchenstuhl, der seine besseren Tage im
Obergeschoss schon einige Zeit hinter sich hat. Die Holzkiste die auf der zerschlissenen Sitzfläche liegt, ist mit einem weißen Blatt Küchenkrepp
zugedeckt.
Um den Inhalt dieser Kiste dreht sich heute nacht alles in unserer Familie.
Tiere
spielten in meinem Leben nie eine besonders große Rolle. Als Junge hatte ich
einen Hund, der Strolchi hieß, schwarz und freundlich war und den ich immer
dann Gassi führen musste, wenn mein Tagesplan „Überlebenstraining auf dem
Daktariberg“ oder „Drachensteigen mit Andi und Werner“ auswies. Er war so
wie ein kleiner Bruder, gehörte dazu, war aber meist lästig.
Als ich (und natürlich auch der Hund) älter wurde, einigten wir uns auf
gegenseitigen Respekt, und als der Hund alt war und ich ein junger Mann, konnten
wir uns sogar ganz gut leiden. Strolchi war ein positiver Zeitgenosse, gebissen
hat er nie jemanden und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals
knurrend vor seinem Futternapf imaginäre Fressfeinde verscheucht hätte, wie so
mancher Dackel oder Cocker in meinem Bekanntenkreis. Als er starb war ich
schon verheiratet, ich fuhr zu meinem Elternhaus und habe das kleine Fellknäuel
nochmal gestreichelt, das hart und leblos in einer kleinen Mandarinenkiste lag.
Danach
hatten wir jahrelang kein Tier, bis wir Ende der 80er Jahre in unser zukünftiges
Haus zogen und ich mir – mehr aus dekorativen Gründen – ein kleines
Aquarium zulegte. Wir waren mittlerweile zu viert, Yvonne und Isabelle unsere
Zwillinge kamen im November 1986 zur Welt und bereicherten unser Leben, machten
uns vollständig.
Das
Aquarium war eine Menge Arbeit: Wasserwechsel, Pflanzenpflege, immer wieder
Filter säubern. Nun, ich hatte meinen Spaß daran und wenn ich beim rumwerkeln
keine allzu große Sauerei veranstaltete, war’s auch meine Frau Tina
zufrieden. Nach einiger Zeit konnte ich Tina dazu überreden, einem großen und
einfacher zu pflegenden Aquarium zuzustimmen und ich ging los, um mich in
einschlägigen Zoohandlungen über Tanks mit mehr als 400l zu informieren. Tina
war skeptisch, sie fürchtete das immense Gewicht eines großen Tanks wäre
zuviel für die Holzbalkendecke unseres Hauses. Aber ich konnte sie überzeugen,
dass sich in der für das Aquarium vorgesehenen Ecke die Balken am statisch
stabilsten Punkt befanden und es keine Probleme geben würde.
Im
Zoohändler unseres Nachbarortes hatte ich einen Mann gefunden, bei dem ich ein
gutes Gefühl hatte und an einem Samstag morgen schleppte ich Tina dorthin, um
mir beim anstehenden Verkaufsgespräch die Zügel anzuziehen, sollte ich
Anstalten machen, unser Budget zu ignorieren. Als wir dort eintrafen, war der
gute Mann gerade dabei, ein Terrarium zu säubern, ließ aber alles sofort
stehen und liegen um sich mit mir zu befassen. Während wir Filteranlagen
durchdiskutierten und
die positivern Auswirkungen von CO2-Anlagen auf das Pflanzenwachstum erörterten,
betrachtete Tina immer wieder die grünen Tiere, die auf den Ästen des
Verkaufsterrariums dösten. Und wenn ich mich heute daran erinnere, könnte ich
schwören, ich habe ein leises Klicken gehört.
Sie
hat mich aus dem Aquarium genauso leicht herausgeredet wie man einem kleinen
Kind die tatsächliche Existenz des Weihnachtsmannes beibringen kann.
Zwei
Wasseragamen sollten zu uns ziehen und ein Terrarium wäre ja doch viel leichter
zu handhaben als eine halbe Tonne Wasser. Die Tiere würden viel mehr zurückgeben
als Fische, deren ganzer Lebensinhalt aus „rechtsherum“ und „linkslang“
bestünde.
Nach
einem kurzen Palaver Zuhause und einer längeren Schmollphase bestellte ich ein
dreieckiges Terrarium, das innerhalb von drei Wochen nach meinen Plänen gebaut
werden sollte, zusammen mit einer der 4 beim Händler lebenden
Agamen. Eine dieser Agamen hatte einen verkürzten Schwanz, aber die sollte es
nicht sein.
Als
das Terrarium geliefert wurde, war meine Frau im Krankenhaus und wir hatten uns
in dieser Zeit mit dem Sinn des Lebens und dem Kampf gegen den Brustkrebs auseinander
zu setzen. Terrarien, Echsen, Autos oder Tapezieren interessierte uns deutlich
gesagt, nicht im geringsten. So kam es, dass ich gegen die Lieferung der Agame
mit dem Schwanzstummel nicht einmal ansatzweise protestierte und sie klaglos in
ihr neues zu Hause setzte.
Ich
hatte mich nicht besonders
mit dem Thema „Echse“ auseinandergesetzt und Agamen waren für mich
ein Buch mit sieben Siegeln, aber mein freundlicher Händler wusste mir bei
allen Fragen die ich nicht stellte eine Antwort. So kam es dann, dass ich Fratz
(eigentlich sollte ER Ratz heißen, und „Rübe“ irgendwann nachkommen)
vergeblich versuchte, mit Reis, Salat und Bananen zu füttern und dann, als das
Mistvieh daran nix finden konnte, nur zu gerne 9 Mark für eine Packung Heimchen
bei meinem Händler bezahlte, nur damit das Tier nicht einging und ich Tina
keinen Kummer bereiten würde.
Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich für den Preis des Glasterrariums einen
wahren Palast hätte selber bauen können aber Erfahrungen müssen gemacht werden.
Die Schüssel Wasser, die ich in den Rindenmulch versenkt hatte, musste jeden
Tag geleert werden und für ausreichend Luftfeuchtigkeit sollte ich auch sorgen,
einmal Wasserwechsel alle 14 Tage kam mir dagegen irgendwie leichter vor. Ich
hatte -gelinde gesagt- die Schnauze voll, aber Aufgeben stand nicht zur Debatte.
Da Fratz ein Weibchen war, bestellte ich bei meinem Zoohändler ein Männchen um
dem ganzen eine rundere Form zu geben.
Lenny
erreichte uns in einer Pappschachtel, wie man sie für den Transport von weißen
Mäusen verwendet, er war lethargisch und recht kühl. Nach einem langen Bad in
handwarmem Wasser setzte ihn zu seiner zukünftigen Lebensgefährtin auf den
Ast. Ich weiß nicht, was ich genau erwartet habe, aber dass sie sich vollständig
ignorierten, überraschte mich doch sehr. Ich hatte wenigstens mit einem
Revierkampf oder einem aktiven „aus dem Weg gehen“ gerechnet. Klar, Lenny
war noch sehr jung und keinesfalls ausgewachsen. Er sah gegen Fratz aus, wie ein
Rehpinscher gegen einen Schäferhund, aber beide waren doch von der selben Art!
Also, tut was ihr zwei, egal was, aber bitte, tut was!
Nix
Lenny
fraß nicht, badete nicht und nahm an keinem Gesellschaftlichen Ereignis in
Terrarien Teil.
Zu
allem kam dann noch der Bankrott meines Zoohändlers.
Da
erst begannen wir, uns selbst über die Bedürfnisse unseres Hausgenossen kundig
zu machen.
Die
erste Erkenntnis war:
„Wasseragamen
heißen Wasseragamen weil sie in der „Wüste“ leben du Idiot“!
Ein
umgedrehter Römertopfdeckel kann selbst bei wohlwollendster Betrachtung nicht
als Wasserbecken bezeichnet werden. Nun trat der wohl einzige Vorzug des
Glasterrariums zu Tage: Es war ein Leichtes, den Bodenraum mit einer
eingesetzten Scheibe in einen Naß- und einen Sandbereich zu unterteilen. Ein Außenfilter
und eine Wasserheizung wurde aus Altbeständen reaktiviert und innerhalb eines
Tages hatten wir ein 30l fassendes Wasserbecken in unseren „Wüstenlebensraum“
integriert. Ich füllte das Wasser ein, startete die Pumpe und erwartete:
Nix
Weit
gefehlt! Plötzlich war Lenny so lebendig wie eine Wüstenspringmaus, ein Satz
ins Wasser dass es platschte : Tauchstation!
Fratz
glitt, ganz Dame, majestätisch über den Glasrand und
versenkte sich in den Pool wie ein alter Mississippialligator.
Tauchstation......................
Tauchstation.........................................
Regungslosigkeit????????????????.
Augen
zu??????????????
Tauchstation!!!!!!!!!!!!
HALTERPANIK!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Nach
geschlagenen zwei Minuten war ich sicher, die zwei sind mangels Übung schlicht
und ergreifend abgesoffen und holte sie aus dem Wasser, bereit zu allen DLRG-Tätigkeiten,
die sich in solchen Fällen anbieten. Herzmassage, stabile Seitenlage und
Atemspende (Atemspende? Ich kann die doch nicht aufblasen wie
Gummientchen!), aber nicht gefasst auf zwei wieselflinke Pseudokrokodile, die
sich mit Vorder- und Hinterkrallen gegen alles stemmten, was sie von dem „ach
so gefährlichen“
Bad abhalten könnte.
Also
gehen lassen.
Tauchstation.
Tauchstation.
Nach
15 Minuten das erste Luftschnappen! Ich glaube, ich habe in dieser Zeit höchstens
20 mal geatmet. Mir war schon ganz schwindlig, als Lenny endlich die kleine
Schnauze aus dem Wasser schob und mich mit einem Blick bedachte der mich stark
an einen alten Mathelehrer erinnerte, der zusieht wie sein Schüler an der Tafel
seine eigenen Fehler verbessert.
Nun
war auch Fressen kein Thema mehr, das Gegenteil davon allerdings auch nicht, tägliche
Wasserwechsel imperativ und Heimchen immer schwerer zu kriegen.
Erkenntnis
Nummer zwei!
„Wasseragamen
sind so lange Männchen, bis sie Probegrabungen machen und dir eine lange Nase
drehen!“
Lenny
legte ein seltsames Verhalten an den Tag! Er benahm sich wie ein Gärtnerlehrling
nach dem Genuß von zuviel von dem Kraut aus dem hinteren Glashaus! Buddelt
hier, gräbt dort, schmeißt
handvo... äh Krallenvoll Mulch hinter sich ins Wasserbecken und verhält sich
wie ein sturztrunkener Architekt auf seiner Lieblingsbaustelle. Ich war der
festen Überzeugung, der Junge baut ein Nest für seine Dame und als sich der
Junge über eine solche Probebohrung rollte und 8 wunderschöne
weiße Eier legte, begann ich im Telefonbuch unter „R“ wie „Rollkommando“
nachzuschlagen, um meinem verschollenen Zoohändler sehr drastisch klarzumachen,
was „Männchen“ so ausmacht. Aber halt! Wenn Lenny ein Weibchen ist und Eier
legt, dann muß Fratz ja – wie uns die Geschichte mit den Bienen und den
Blumen so anschaulich erklärt – die Hummelste unter den Bienen sein.
Telefonbuch zuklappen und freuen, dass sich zum guten Schluß zwei Irrtümer zu
einem geraden Sachverhalt gerichtet haben. Die Eier lassenwer mal da, wo sie
sind. Was in der Natur klappt, sollte auch bei mir in der Wohnstube kein Problem
sein.
Erkenntnis
Nummer drei!
„Wasseragamen
sind so lange Männchen, bis Du mal ein richtiges Männchen gesehen hast“
Bis
zu dieser Begegnung sollte es noch Jahre dauern, aber Fratz hat sich etwa 2 tage
nach Lennys wundersamer Frauwerdung zu einem Akt der Solidarität entschlossen
und vor meinen vor Verwunderung tränenden Augen 7 wunderschöne, feste und
allem Anschein nach eirigen
Eiern
abgesetzt.
Nun
lebten wir also mit 2 Echsenmädels in einem nassen Wüstenterrarium in einem
Haus, in dem es außer mir kein einziges männliches Wesen gab.
Erkenntnis Nummer 4!
Heimchen
und Schrecken sind lecker, aber wir können auch anders!
Es
war mal wieder Winter. Fratz und Lenny hatten in den vergangenen Jahren eine
wunderbare Anpassung an uns erreicht. Sie wurden täglich einmal rausgelassen
und genossen ihren „Spaziergang im Park“. Yvonne und Isabelle pflegten sie
beide, dass jeder Haushund neidisch wäre und alles war im Lot, bis auf...
Es
war mal wieder Winter (wie bereits erwähnt), Fratz und Lenny hatten Hunger! Zum
ersten mal konnte ich weder Heimchen noch Grillen beschaffen. Der Frost machte
den Transport zum einzigen Zoogeschäft das ich kannte und das Lebendfutter führte,
unmöglich. Was tun? Ich hatte einmal junge Mäuse verfüttert, die begeistert
angenommen worden waren, aber ich konnte (und kann mich noch heute) nicht daran
gewöhnen. Ein Stück Rindfleisch, vom zukünftigen Sonntagsbraten stibitzt, würde
vielleicht gehen, die Farbe stimmte ja! Also: Terri auf, und Fratz geschnappt.
Die Dame war mittlerweile so zutraulich, dass sie keine Anstalten machte, mir zu
entwischen. Sie saß auf meinem Oberschenkel, als würde sie gleich nach der
Fernbedienung greifen und Sielmann angucken. Ein kleines Stück Fleisch
wurde kunstvoll in ihren Sichtbereich drapiert. Kopf drehen, Augen scharfstellen,
Kopf geradeaus, ignorieren was wir nicht kennen.
Dann
anders!
Fleisch
nehmen und in den Fingern ganz leicht drehen.
Kopf
drehen, scharfstellen----schnapppppp!
Still
halten! Tränen verbeißen und den Impuls unterdrücken, die Hand zu schütteln
und den daran hängenden Wasserdrachen versehentlich(?) an die Wand zu
klatschen! Fratz konnte nix dafür, sie hat einfach nicht gesehen, wo die
seltsam leckere Maus aufhört und mein Finger anfängt. Mannn, was kann die beißen!
Allerdings hat sie sofort losgelassen, als sie merkte, wie ich zurückzuckte.
Sie hat es nie wieder getan. Bis zum heutigen Tag hat Fratz mir jedes Stück
Fleisch mit der Zunge vom Finger gezupft, und außerdem Bananen, Erdbeeren,
Fisch und sogar einmal eine Schnecke. Lenny beobachtete die Szene anscheinend
aufmerksam, bei ihr dauerte es eine Weile, aber schließlich, als meine Finger
vom „Mäusemarionettenspielen“ schon fast arthritisch wurden, hatte sie ein
Einsehen mit mir und fraß auch.
Somit waren alle Ernährungsprobleme mit einem Schlag gelöst, wenn Heimchenzeit war, gab's Zirper, ansonsten ein Steak.
Die
Jahre gingen ins Land. Beide Mädels entwickelten sich prächtig, legten alle
halbe Jahre optimistisch ein paar Eier die ich realistisch diskret entsorgte und
waren mit dem Leben zufrieden. Fratz wurde zur „Grande Dame“ mit dem
reptilischen Äußeren einer Elizah Fitzgerald und dem Gehabe einer Queen Mum.
Und
wir bekamen Zuwachs.
Der
Junge hieß Galan, war ein Wildfang und gewöhnte sich bei uns recht gut ein.
Wie wir zu unserem neuen Pflegling kamen und was sich um diese
„Neuerwerbung“ alles abspielte, wird Raum in einer anderen Geschichte
finden, nur kurz: Mit und um Galan herum haben sich in unserem Leben sehr viele
Neuerungen ergeben und viele Dinge fanden ihr Ende.
Aber in dieser Geschichte geht es ja um eine andere Echse, um Fratz.
Sie
bereitete mir in den letzten Tagen ein wenig Sorge, wirkte apathisch, fraß
nicht und ließ sich zu keinem "Spaziergang im Park" überreden.
Immer bevor sie Eier legte, befand sie sich in einer solchen Phase, aber ich
hatte ein wenig Angst, die erneute Anstrengung würde ihr schaden in ihrem hohen
Alter.
Fratz
ist heute Abend um 21:40 gestorben. Ich hörte ein Klappern aus dem Terrarium
und sah, wie ihr rechtes Hinterbein krampfartig gegen die Scheibe schlug. Ich
nahm sie sofort heraus und spürte schon da, dass dies wohl das Ende sei. Einmal
riss sie noch den Rachen auf und es schien, als würde sie versuchen zu atmen
und dann gab der ganze Körper die Spannung her.
Sie
ist zehn Jahre lang bei uns gewesen und war schon ausgewachsen als wir sie
bekamen. Die Echse mit dem verkrüppelten Schwanz, die ich nicht haben wollte.
Im
Moment, da ich diese Geschichte schreibe, sitze ich in meinem Keller an einem
aus einer Küchenarbeitsplatte und einigen Stahlfüßen zusammengezimmerten
Schreibtisch. Ich habe nicht James Taylor gehört.
Neben
mir auf einem alten Küchenstuhl steht eine kleine Holzschachtel, die mit weißem
Küchenkrepp bedeckt ist.
An dieser Stelle sage ich meinen Dank an meinen Freund Tom, der die Freuden, die Sorgen und die Trauer, die uns mit unseren Tieren verbindet, in so schöne Worte gefasst hat.